Tod (Eine Geschichte aus Wien)

7 Nov

Nach meiner Diplomprüfung als medizinisch-technische Analytikerin bot man mir einen Posten als „Mädchen für alles“ in der Herzchirurgie an. Vor 45 Jahren bestand das Allgemeine Krankenhaus aus Provisorien und Baracken. Dennoch entwickelte sich die Herzchirurgie zu einer medizinischen Sparte, die spektakuläre Erfolge aufweisen konnte. Das Einbauen eines Schrittmachers war damals wie auch heute eine kleine Operation. Die großen Operationen fanden in der Früh statt, und erst danach wurden die Schrittmacher eingepflanzt, denn es gab nur einen spezifischen Operationssaal.

Eines Tages sollte ein 60jähriger Mann einen Schrittmacher bekommen. Schon bei den Vorbereitungen zu der Operation war mir aufgefallen, dass die Ehefrau ihren Mann keine Sekunde aus den Augen ließ. Zwischen den damals strengen Besuchszeiten am Nachmittag und Abend ging sie nervös am Gang auf und ab, wie ein Wildtier in Gefangenschaft hin und her und wieder hin und her. Ihre Schuhe klangen auf den alten Steinfliesen hart und schwer, denn sie waren an den Absätzen und den Spitzen mit Eisenplättchen zur Schonung der Sohle beschlagen.

Am Tag der Operation ging die Frau schon zeitig am Morgen vor dem Operationssaal auf und ab, obwohl der Termin ihres Mannes erst für den Nachmittag festgelegt wurde. Der Mann verschlief die Wartezeit infolge einer Beruhigungsspritze. Nach der gelungen Operation schlief der Mann seelenruhig weiter, doch seine Frau wollte und wollte nicht nach Hause gehen. Der Mann fühlte sich von Tag zu Tag besser und endlich stand er kurz vor seiner Entlassung aus dem Krankenhaus.

Das Personal atmetet auf, weil die Frau nicht nur täglich am Korridor ihre stundenlangen Fußmärsche zurücklegte, sondern sich dem Personal gegenüber penetrant aufführte. Doch am Morgen knapp vor der Entlassung sackte der Mann zusammen und starb unerwartet. Im später erhobenen Obduktionsbericht stand, dass er an einem geplatzten Aneurysma im Gehirn gestorben war.

Es war das erste und auch letzte Mal, dass ich meinen damaligen Chef nervös erlebt habe. Er fürchtete sich geradezu vor dem Erscheinen der Frau, vermutlich weil er sich einen totalen Zusammenbruch erwartete. Mein Chef mußte ihr den Tod ihres Mannes mitteilen, ohne den Obduktionsbericht zu kennen. Was sollte er sagen, wo die Todesursache noch nicht belegt war? Ich wurde gebeten, im Nebenzimmer mit dem bereiten EKG zu warten und sicherheitshalber ein paar Beruhigungspillen parat zu halten.

Ich wäre am liebsten davongerannt, als ich das Klickklack der beschlagenen Schuhe näher kommen hörte. Ich presste meine Hände und den Mund fest zusammen. Mein Chef sprach ruhig und versuchte zu erklären, daß die Schrittmacheroperation in keinem Zusammenhang mit dem Tod des Mannes stand und die Obduktion erst verordnet wurde. Die Frau sprach kein Wort. Da die Türe nur angelehnt war, konnte ich ihr Gesicht beobachten. Ihre Mimik verhärte sich, ihr Gesicht wurde zu Stein. Sie kniff die Augen zusammen, ihre Lippen wurden schmal und weiß. Mein Chef und die Frau des Patienten saßen einander wortlos gegenüber. Dann erhob sich mein Chef mit den Worten: „Es tut mir leid, es war nicht voraussehbar.“

Als er sich verabschieden wollte, sagte die Frau fast tonlos: „Und ich habe meinem Mann vor 3 Monaten die Zähne um 3000 Schilling reparieren lassen, und jetzt muss ich ihm noch das Begräbnis zahlen.“

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