Allerheiligen

26 Okt

Schon am 26. Oktober, unserem Nationalfeiertag, beginnt eine Art Völkerwanderung auf den Berg hinauf, auf dessen Kuppe ein Friedhof sitzt wie eine schwere Krone. Die Dorfbewohner kommen mit viel Schwung per Auto den Kirchberg hinaufgefahren, obwohl es verboten ist. Unter einem Fahrverbotsschild ist zu lesen: Zufahrt nur für Anrainer (früher war noch eine Zusatztafel angebracht auf der stand: auch für Friedhofsbenutzer) aber diese Tafel wurde mutwillig heruntergerissen. Ich nehme an, von einem Souvenirjäger. Bei so viel ungewohntem Verkehr geht sogar Kater Fritz ungern aus dem Haus.

Riesige Kränze und Blumengebinde werden aus den Autos gezerrt und die 10 Stufen zum Friedhof hinauf geschleppt. Wenn man hier eine Grabstätte hat, verpflichtet man sich diese zu pflegen, wobei Übertreibungen keine Grenzen gesetzt sind. Jeder will sein Auto ganz nah am Eingangstor parken. Man lässt sein Auto einfach stehen, ähnlich wie ein Cowboy sein Pferd. Ein Pferd kann bekanntlich ausweichen, aber in diesem Fall nützt nur ein lautes Hupen, wenn die Wegfahrt schier unmöglich ist.

Am 27. Oktober kommt die Laubsaugmaschine der Gemeinde und kehrt jedes Blättchen weg. Ist am 1. November schönes Wetter, wird der kleine Friedhof zum Ausflugsziel von ganzen Familien. Zu den Blumengebinden und Kränzen werden Dreiräder, Plastiktraktoren oder Puppenwagerln in Richtung Gräber gezerrt. Kinder springen auf den Grabplatten herum. Eltern brüllen: „Kannst Du nicht einmal ruhig stehen.“ Geschwister streiten: „Mamaaa, der Kevin hat mich gestoßen.“ Mama schimpft mit beiden Kindern, die sich ein paar Minuten später wieder hin und herstoßen. Hunde, die am Friedhofstor angebunden werden jaulen lautstark, während ich mein Rosenbeet umgrabe.

Mein Garten liegt genau gegenüber von diesem Friedhof, auf dem kein Friede herrscht. Der Friedhofswart geht an mir vorbei, plötzlich entdeckt er mich und spricht mich an: „Grüß Gott, so fleißig im Garten.“ Ich weiß, dass hinter der Floskel ein Satz drauf lauert ausgesprochen zu werden. Ich antworte daher ebenfalls mit einer Floskel: „Grüß Gott, wie geht`s.“
„So viel Arbeit“, kommt es wie aus der Pistole geschossen und gleich darauf: „Ihr Grab ist noch nicht hergerichtet.“
„Ich weiß“, antworte ich. „Es eilt ja nicht so, ich brauche es momentan nicht.“
Der Friedhofswart schaut mich etwas irritiert an und zieht dann weiter in Richtung Weinkeller.

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